Neue Arbeiten von Sonja Grimm
"Wer objektiv sein will, ist einseitig, wer einseitig ist, ist pedantisch und
langweilig" ¹
heißt es im Manifest der Gruppe SPUR von 1958. Zwei wesentliche Aspekte der
Gruppe SPUR schwingen in diesem Satz mit, die auch für die Kunst Sonja Grimms in
Anspruch genommen werden können.
Einerseits ging es der Gruppe SPUR um eine besondere Form der Dialektik, denn
ihre Mitglieder empfanden sich als Individualisten und Gemeinschaft zugleich. Die
SPUR-Künstler übertrugen diese scheinbare Gegensätzlichkeit auch auf ihre
künstlerische Produktionsweise. Neben Gemeinschaftsarbeiten entstanden immer
individuelle Arbeiten, und in den Kollektivarbeiten wurde auf den gestischen
Pinselstrich und die "persönliche Handschrift" nicht verzichtet. Auch Sonja Grimm
verfolgt in ihren Arbeiten eine besondere Form der Dialektik, die noch genauer zu
betrachten sein wird.
Andererseits verweigerten sich die SPUR-Künstler mit ihren Aktionen, Gemälden,
Skulpturen und Manifesten jeder dogmatischen und programmatischen
Kategorisierung, denn ihre Kunst ließ sich in keines der damals bestehenden
Systeme einordnen. Sie wollten weder eine ideale Welt der Gegenstandslosigkeit
vertreten, noch eine transzendentale Abstraktion propagieren. Ähnlich verhält es sich
mit den Arbeiten Sonja Grimms. Auch sie entziehen sich einer eindeutigen
Zuordnung und sind nur bedingt mit einem einzigen Fachterminus zu belegen.
Sonja Grimms Kunst ist entsprechend dem oben angegebenen Zitat alles andere als
einseitig und belanglos. Bedingt durch ihre Tätigkeiten auf verschiedenen
künstlerischen Gebieten wie Malerei, Performance, Tanz, Musik u.v.m. findet immer
wieder eine wechselseitige Durchdringung unterschiedlicher Disziplinen statt, die
jedes ihrer künstlerischen Ergebnisse bereichert. Darüber hinaus strebt die
Künstlerin auch immer wieder eine Zusammenarbeit und einen Austausch mit
Künstlern benachbarter Fachbereiche an.
Ihre neuen Arbeiten zeigen alle eine weiße Figur in einer meist farbintensiven,
vegetabilen Umgebung. Die organisch-abstrakten Formgebilde sind in flüssiger
spontaner Malweise aufgetragen. Innerhalb dieser floralen Arabesken lässt sich in
schemenhafter Zeichnung eine Figur erkennen. Eine Raumsituation wird zwar
angedeutet, da zwischen Figur und Umgebung ein gewisser Raumbezug besteht,
doch kann nicht von einem traditionellen Raumkontinuum gesprochen werden.
Lediglich die Größenverhältnisse der ornamental vereinfachten Vegetation und die
verkürzten Gliedmaßen der Figur suggerieren eine gewisse Tiefenräumlichkeit. Die
stark vereinfachte Figur ist in indifferenten Körperhaltungen in das naturhafte
Interieur eingebunden. Manchmal scheint sie zu schweben, ein anderes Mal
aufzusteigen oder aber zu fallen. Niemals ist die Figur jedoch fest im Bildraum
verankert.
Unverkennbar steht der Mensch im Zentrum dieser Arbeiten. Die wirksam auf die
Umrisslinie reduzierte Figur ist ein künstlerisches Äquivalent für eine schicksalhafte
Lebenssituation, wie sie jedem von uns widerfahren kann. Die Künstlerin bewegt die
Frage, wie der Gemütszustand eines Individuums darzustellen ist, wenn es aus
seiner gewohnten Sicherheit, nach der es in allen Lebensbereichen strebt, heraus
fällt? Sie interessiert vorrangig diejenige Situation, in der das "Netz der
gesellschaftlichen Verankerung" reißt oder das vorgefaßte Weltbild eines Menschen
ins Wanken gerät.
Um diesem psychischen Zustand eine Visualisierung zu verleihen, macht die
Künstlerin formal Anleihen bei den physischen Begebenheiten der Kontakt-
Improvisation: ein Spiel mit Balance, Schwung und Gewicht. Die Akteure lassen sich
fallen, werden aufgefangen, tragen das Gewicht des anderen, rollen über- und
aufeinander ab oder stürzen, rutschen und schweben hinab. Sonja Grimm
interessiert vorrangig die Person, die getragen wird oder hinab gleitet. Derjenige, der
trägt bzw. hält, bleibt dabei unberücksichtigt.
Die weißen Figuren in ihren Arbeiten sind "Platzhalter" für instabile Körperhaltungen,
für Personen, die kippen, die für einen kurzen Augenblick aus dem Gleichgewicht
geraten. Der Magie des Moments, seiner Vergänglichkeit, dem flüchtigen Zustand im
Bruchteil einer Sekunde, versucht die Künstlerin näher zu kommen und ihn
bildnerisch darzustellen. Nicht zuletzt deshalb sind die Figuren auch in ein
vegetabiles Interieur eingebunden, das ebenso Werden und Vergehen beinhaltet und
wie ein Augenblick vorüber zieht. Sonja Grimm geht es nicht um die Individualität
einer Person. Ihre silhouettenhaften Figuren vergegenwärtigen Seelen- und
Gemütszustände. Sie bringen ein Gefühl zum Ausdruck. Unterstützt wird diese Bekundung durch die visionäre Ausweitung des Natürlichen, das einzigartiger
Merkmale entbehrt.
Die Titel der Gemälde bestehen aus "poetischen Textfragmenten". Sie haben keine
deskriptive Bedeutung wie man es allgemein erwarten könnte, sondern gehen
gemeinsam mit dem Werk einen Dialog ein. Vom Betrachter werden die
Bildunterschriften unterschiedlich gelesen und aufgenommen. Es sind
"Sprachräume", die verzaubern oder Geschichten erzählen, und dadurch neue Bilder,
Träume oder wieder andere "Räume" vor dem geistigen Auge des Betrachters
entstehen lassen können.
Sonja Grimms Dialektik beginnt im "Augenblick des Fallens" eines Individuums. Kann
der Mensch im Moment eines Schicksalsschlages noch etwas Positives in sich und
für sich entdecken? Empfindet er dann noch Geborgenheit, Liebe und Zuversicht?
Kann er Kraft aus einer solchen Situation ziehen, Weisheit gewinnen oder zu einer
veränderten Lebenseinstellung gelangen? Oder sucht er vielleicht den Sinn in
transzendentalen Gedankenmodellen wie Religionen oder Spiritualität?
Das sensible Bewusstsein der Künstlerin für die Veränderung einer kurzweiligen
Situation, der der Mensch hilflos ausgeliefert sein kann, führt zu einer im Werk
praktizierten Neutralisierung, da sie aus einer subjektiv erlebten Sicht erfolgt und sich
in einer ebenso subjektiv erlebten Struktur niederschlägt. Die Künstlerin überwindet
das Abbildhafte eines Vorganges mit einer Formensprache, die als abstrakte
Expression zu bezeichnen ist.
Der Synthese zwischen Form und Inhalt wird auf Sonja Grimms Gemälden ein neuer
Bereich einverleibt. Aus schwebenden, sinkenden, aufsteigenden Figuren erhebt sich
eine magisch zu nennende Gestaltung mit struktureller Farbe, rhythmisch-flächiger
Disziplin und abstrahierenden Mustern: vielleicht ein neuer Symbolismus, bei dem
der sonst so dämonische Gehalt durch unterschiedlichste Gemütszustände ersetzt
wird?
Die Künstlerin ist vom Unsichtbaren fasziniert, von winzigen Bruchstücken der realen
Welt, und sie versucht dieses mit den Mitteln des Sichtbaren wiederzugeben. Sie
verbindet Figuren, Umgebung und Titel ihrer Gemälde, indem sie eine besondere Art
von Affinität schafft, bei der der Betrachter aufgefordert wird die Beziehung zwischen
Bild und Titel zu ergründen, um sich dann auf eine "phantasievolle Reise" zu begeben, bei der er Wert und Wesen der Arbeiten individuell erkunden kann. Schon
John Ruskin bemerkte im 19. Jahrhundert:
"Diejenige Kunst ist am besten, die dem Gemüt des Betrachters, ganz
gleichgültig mit welchen Mitteln, die größte Anzahl von größten Ideen
vermittelt." ²
Dr. Carmen Behrens
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1 Manifest der Gruppe SPUR von 1958, in: Kat. Gruppe SPUR, München 2006, S.17.
2 Ruskin, John: Modern Painters I, S.12.